Interview mit Dr. Philine Gaffron

25.02.2019

Dr. Philine Gaffron arbeitet seit vielen Jahren an der TU Hamburg und forscht darüber, wie Mobilität organisiert werden sollte, damit alle Menschen etwas davon haben. Sie hält die Wohnungsbaugenossenschaften für besonders wichtig bei der Gestaltung der Verkehrswende.

Das komplette Interview aus der aktuellen Ausgabe der "bei uns":

„bei uns“: Wie sieht die Zukunft der individuellen Mobilität aus?
Philine Gaffron: Autos werden nicht mehr mit fossiler Energie betrieben. Es wird weniger Lärm und kaum Abgase, Feinstaub oder Stickoxide geben. Zudem wird Mobilität so organisiert sein, dass alle Menschen gleichberechtigt in der Stadt vorankommen.

„bei uns“: Was können Wohnungsbaugenossenschaften tun, um ihren Mitgliedern Mobilität zu ermöglichen?
Philine Gaffron: Neben einer guten Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr ist Carsharing in den Quartieren ein ganz wichtiges Element, Mobilität zu ermöglichen. Das sollte zur Grundversorgung gehören wie der Anschluss an das Stromnetz oder an die öffentliche Wasserversorgung. Im Gegenzug sollte eine Wohnungsgenossenschaft darauf verzichten, jedem Haushalt einen Stellplatz für ein Auto anzubieten. Es geht ja am Ende nicht darum, mehr Verkehr durch zusätzliche Carsharing-Fahrzeuge zu erzeugen, sondern es den Menschen zu ermöglichen, auf ein eigenes Auto zu verzichten.

„bei uns“: Was die wenigsten derzeit tun.
Philine Gaffron: Das mag sein, aber soweit ich weiß, denken Wohnungsbaugenossenschaften langfristig. Ich glaube auch nicht, dass viele Menschen kurzfristig einfach so auf ihr Auto verzichten. Aber wenn die Mieterinnen und Mieter merken, dass ein Carsharing-Auto zuverlässig da ist, wenn sie es benötigen, wenn Abstellplätze für Fahr- und Lastenräder genauso selbstverständlich vorhanden sind wie ein Kellerraum und genauso gut erreichbar sind wie die Tiefgarage, dann werden sie umdenken. In einer Stadt wie Hamburg braucht die allermeisten wirklich kein eigenes Auto, um mobil zu sein.

„bei uns“: Das sehen offenbar viele Eltern schulpflichtiger Kinder anders, wenn man den allmorgendlichen Verkehr vor den Schulen betrachtet.
Philine Gaffron: Hier sind Planung und Politik gefordert. Wollen wir wirklich in einer Stadt leben, in der wir uns nicht trauen, unsere Kinder morgens allein zur Schule laufen zu lassen? Es ist kein Zauberwerk, den Verkehr so zu organisieren, dass Kinder sicher zur Schule gehen können. Allerdings braucht es dafür politischen Willen.

„bei uns“: Woran liegt es, dass das zu wenig geschieht?
Philine Gaffron: Möglicherweise daran, dass hierzulande oft zu perfektionistisch gedacht wird. Ich plädiere dafür, in Quartieren häufiger mal etwas auszuprobieren. Man muss nicht gleich alles umbauen. Manchmal reichen ein paar Blumenkübel, um eine Straße zu verengen und so dafür zu sorgen, dass die Autos langsamer fahren. Wenn es funktioniert, kann man die Straße später immer noch umbauen. Und wenn nicht, räumt man die Provisorien wieder weg.

„bei uns“: In Quartieren allein Straßen zu verengen, wird nicht reichen.
Philine Gaffron: Natürlich nicht. Wohnungsunternehmen könnten beispielsweise Mobilitätsstationen einrichten. Dort bekommt man die Cahrsharing-Fahrzeuge, Lastenräder oder Handkarren. Für die Paketdienstleister wiederum wäre das eine zentrale Station, wo Pakete abgegeben und von den Bewohnern abgeholt werden können. Bei der Entwicklung von Konzepten für Mobilitätsdienstleistungen sehe ich die Wohnungsgenossenschaften ganz weit vorn. Sie können etwas für ihre Mitglieder und eine lebenswerte Stadt tun. Denn eines wird immer deutlicher: die Menschen wollen zwar mobil bleiben. Zugleich finden sie aber, dass verkehrsberuhigte Quartiere viel lebenswerter sind. Und wer schaut von seinem Balkon schon gern auf parkende Autos?

„bei uns“: Ist individuelle Mobilität nicht auch Ausdruck individueller Freiheit?
Philine Gaffron: Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo der Andere beeinträchtigt wird. Natürlich sollen die Menschen auch künftig von A nach B kommen. Die Frage ist nur, ob dazu ein eigenes Auto notwendig ist.

„bei uns“: Wollen Sie den Menschen das Auto wegnehmen?
Philine Gaffron: Nein. Wir müssen die Mobilität in einer Stadt aber so organisieren, dass die bestmöglichen Bedingungen für alle Bewohnerinnen und Bewohner herauskommen. Wer durch die Stadt laufen oder mit dem Rad fahren will, muss es können. Bus und Bahn sollen möglichst flächendeckend erreichbar sein. Das heißt
aber auch, wer das eigene Auto nutzen will, wird das nicht immer und überall können - allein schon, weil dafür nicht genug Platz ist.

„bei uns“: Trotzdem steigen die Zulassungszahlen bei den Autos.
Philine Gaffron: Das liegt zum größten Teil daran, dass immer mehr Menschen in Hamburg leben. Aber die Veränderungsprozesse sind längst in Gang gekommen. Jeder kann es erleben: die Fahrradnutzung ist stark gestiegen. Auch Busse und Bahnen platzen zu bestimmen Zeiten aus den Näht auch deshalb müssen wir das Angebot verbessern.

„bei uns“: Von Autoposern abgesehen ist Mobilität mit dem Auto für die Menschen kein Selbstzweck. Hunderttausende müssen jeden Morgen ins Büro. Der Weg zum Supermarkt gehört ebenfalls zu unserem Alltag.
Philine Gaffron: Das ist richtig, doch mehr als die Hälfte der Wege, die wir zurücklegen, sind in einer Stadt wie Hamburg weniger als fünf Kilometer lang. Auf einer guten Radroute oder in einem regelmäßig fahrenden Bus ist man auf der Distanz fast immer schneller als mit dem Auto. Das kann man sich dann für die wirklich großen Einkäufe aufheben. Oder man nimmt ein Lastenrad – die es ja in Zukunft überall an Mobilpunkten und in Genossenschaftswohnungen zum Ausleihen gibt (lacht).

„bei uns“: Bringt es etwas, den öffentlichen Personennahverkehr kostenlos zu machen?
Philine Gaffron: In Hamburg gegenwärtig nicht, unter anderem weil Busse und Bahnen hier oft schon an Belastungsgrenzen angelangt sind. Wenn kurzfristig also noch mehr Menschen auf den ÖPNV umsteigen würden, würde das System überfordert. Als gesellschaftliche Vision ist ein für Teile der Gesellschaft kostenloser ÖPNV allerdings erstrebenswert. Ich bin jedoch nicht davon überzeugt, dass Gutverdiener auf Kosten der Allgemeinheit umsonst mit Bus und Bahn fahren sollten. Da wäre eine einkommensabhängige Nahverkehrsabgabe sinnvoller.

„bei uns“: Werden sich künftig nur noch die Wohlhabenden ein Auto leisten können?
Philine Gaffron: Mobilität ist bereits heute eine Frage sozialer Gerechtigkeit. Untersuchungen haben ergeben, dass in Hamburg 75 Prozent der einkommensschwachen Haushalte kein Auto besitzen. Bei den einkommensstarken Haushalten sind es lediglich 22 Prozent. Zudem sind Menschen mit geringem Einkommen überdurchschnittlich oft von den negativen Auswirkungen der Mobilität Anderer betroffen.

„bei uns“: Weil sie zur Arbeit Busse und Bahnen benutzen und zum Supermarkt zu Fuß gehen müssen?
Philine Gaffron: Nein, weil sie überdurchschnittlich oft an viel befahrenen Straßen leben und daher mehr als andere von Lärm und Abgasen betroffen sind. Hier spiegelt sich die Logik des Immobilienmarktes wider: je schlechter der Standort, desto niedriger sind der Grundstückspreis und die Miete. Das sind inzwischen oft die einzigen Wohnungen, die sich einkommensschwache Haushalte leisten können.

„bei uns“: Hilft Tempo 30 in der ganzen Stadt?
Philine Gaffron: Ja, es wird für alle sicherer und Lärm und Abgase sinken. Weil auch die Abstände zwischen den Autos dann geringer werden, steigt die Effizienz der Straße. Außerdem liegt Durchschnittsgeschwindigkeit in Hamburg eh nur bei 26 Stundenkilometern, und da sind die Autobahnen schon mit rein gerechnet. Auf bestimmten Strecken kann auch dennoch weiter Tempo 50 gelten. Aber gerade in Wohnquartieren sollte man den Verkehr anders verteilen. Wenn man Fahrspuren verengt, fahren die Leute von allein viel langsamer. Zudem tragen breitere Fuß- und abgetrennte Radwege dazu bei, dass Menschen das Auto stehen lassen.

„bei uns“: Sind größere Städte Vorreiter in Sachen moderner Mobilität?
Philine Gaffron: Das liegt in der Natur der Sache. Hier leben mehr Menschen enger zusammen als im ländlichen Raum. Außerhalb größerer Städte wird man aber dennoch auch bessere Lösungen finden müssen, um die Mobilität des Einzelnen zu gewährleisten.

„bei uns“: Welche?
Philine Gaffron: Was längere Distanzen angeht, so sollte auch künftig der öffentliche Personenverkehr das Rückgrat sein. Das muss sich eine Gesellschaft leisten und volkswirtschaftlich gesehen ist es eh meistens günstiger. Aber sicher wird im ländlichen Raum auf längere Sicht das eigene Auto noch eine größere Rolle spielen als in der Stadt. Allerdings haben auch Menschen, die sich kein Auto leisten oder auf Grund ihres Alters keines mehr fahren können ein Anrecht auf Mobilität wie andere. Hier besteht die Lösung in nachfrageorientierten Angeboten: kleinere Busse beispielsweise, die nicht nach einem bestimmten Fahrplan fahren, sondern bei Bedarf per Telefon oder App gerufen werden. Auf diesem Gebiet sehe ich auch das größte Potenzial für autonome Fahrzeuge.

[Foto: Bertold Fabricius]